Luba und andere Kleinigkeiten, der neueste, im vorigen Jahr erschienene Roman von Selma Mahlknecht ist eine genussvolle, erfrischende Lektüre, die ich auch unseren Leserinnen und Lesern ans Herz legen möchte. Wie bereits der Titel verrät, handelt der Roman von Luba, der jungen, oder eigentlich gar nicht mehr so jungen Protagonistin, die – so die Inhaltsangabe auf dem Buchdeckel – „humorvoll, sarkastisch, ein wenig überdreht – und vor allem völlig durcheinander“ ist. Sie ist nämlich schwanger und „weiß nicht so recht, ob ihr das ins Konzept passt.“ Eine Situation, die sich wohl jede Frau gut vorstellen kann. „Selma Mahlknecht zeichnet in der ihr eigenen präzisen Sprache die Überforderung der Hauptfigur nach. Luba reflektiert und kommentiert den Zustand der Welt ebenso wie ihre eigene Rolle als Frau, trifft auf besondere Mitmenschen und wächst an ihren Schwächen. Letztlich geht es in Mahlknechts Roman aber um nichts Geringeres als die Liebe.“ Soweit zum Buch.

Die in Südtirol und darüber hinaus allseits bekannte Schriftstellerin Selma Mahlknecht wurde 1979 in Meran geboren. Sie studierte Drehbuch und Dramaturgie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Heute lebt und arbeitet sie in der Schweiz. Sie ist Autorin einer Reihe von Erzählungen, Theaterstücken und Romanen. Unter anderem erschienen bei Raetia Auf der Lebkuchenstraße (2013), Helena (2010), Es ist nichts geschehen (2009), Im Kokon (2007) und zuletzt eben der Roman Luba und andere Kleinigkeiten (2016). Für ihre Arbeiten wurden Selma Mahlknecht mehrere Preise und Auszeichnungen verliehen. Gana hat ein Gespräch mit ihr geführt.

I.R.: Ich habe mich bei der Lektüre Ihres letzten Buches sehr amüsiert. Es war eine gute Unterhaltung. S.M.: Es war ein bisschen ein Risiko. Ich weiß nicht, ob man Risiko sagen kann, aber es war klar, dass, wenn man ein lustiges Buch schreibt, die Leute es nicht verstehen. Manche haben zum Beispiel den Titel nicht richtig verstanden. Sie haben sich gedacht, dass ich mich übers Kinderkriegen lustig mache. Das ist aber nicht so. Jedenfalls gab es viel Kritik.
I.R.: Wirklich? S.M.: Ja, aber eher von Leuten, die das Buch nicht gelesen haben, die es nur oberflächlich gesehen haben. Der Titel lautet ja Luba und andere Kleinigkeiten und das klingt anscheinend so, also, wenn man die Ironie nicht versteht, als würde man sich darüber lustig machen. Aber es ist eben Ironie, denn es sind ja keine Kleinigkeiten.

I.R.: Ich habe die Ironie verstanden. Überhaupt fand ich es wohltuend, dass du als Südtiroler Autorin nicht das x-te Buch mit sogenannter „Südtirol-Problematik“ geschrieben hast. S.M.: Aber für den Verkauf wäre es besser, wenn man einen Südtirol-Bezug hätte. Wenn ich über meine Uroma, auf irgendeinem Hof, schreiben würde, würde es vielleicht besser ankommen. Ohne Südtirol-Bezug fehlt für manche die Motivation, es sich überhaupt anzuschauen, weil sie von einem Südtiroler Autor gern etwas über Südtirol lesen würden. Ich habe das Gefühl, das ist eine Erwartung.

I.R.: Den Südtirol-Bezug gibt es irgendwie ja doch, auch wenn er nicht deklariert ist. Man stellt sich zumindest vor, dass die Protagonistin eine Südtirolerin sein könnte, auch wenn die Handlung sich überall abspielen könnte. S.M.: Luba spielt ziemlich eindeutig in Österreich. Sie fährt ja nach Gumpoldskirchen. Es ist aber nicht eindeutig, ob sie etwa in Wien oder Linz oder sonst in einer österreichischen Stadt lebt. Es ist jedenfalls eine größere Stadt, aber man weiß nicht, welche. Ich hab mir Österreich vorgestellt. Ich kenne natürlich Wien am besten, weil ich dort studiert habe und weil ich später noch ein Jahr dort gewohnt habe. Es ist nicht direkt zugeordnet, aber es ist jedenfalls nicht Südtirol.

I.R.: Ich habe mir nicht unbedingt Österreich vorgestellt, ich dachte die Handlung fände irgendwo im Alpenraum statt, vielleicht auch in der Schweiz. S.M.: Nein, in der Schweiz kann’s nicht sein. Da kommt nur eine kurze Episode vor. Es ist aber nicht so wichtig. Nachdem ich Es ist nichts geschehen geschrieben hatte, gab es eine Besprechung darüber im deutschen Radiosender WDR. Damals sagte man, das Buch würde in Südtirol spielen, aber für mich spielt es nicht eindeutig in Südtirol, es könnte auch dort spielen, aber es steht nirgends geschrieben. Aber für viele ist es so, dass ich aus Südtirol komme, und das Buch spielt im alpinen Raum, dann ist es für sie automatisch Südtirol.

I.R.: Wann hast du mit dem Schreiben begonnen? S.M.: Eigentlich habe ich, sobald ich Buchstaben lesen und schreiben konnte, begonnen Gedichte zu schreiben. Ich kenne es eigentlich nicht anders. Sobald ich in der Schule war, habe ich geschrieben. Ich habe Gedichtchen und Geschichtchen geschrieben und meine Mutter hatte ein kleines rotes Buch, in das sie alle meine Sachen hineingetan hat. Das Schreiben war immer wichtig für mich. Ich war mir immer sicher, dass ich irgendwann Bücher schreiben werde. Später habe ich an der Filmakademie in Wien Dramaturgie studiert. Da habe ich den Aufbau von Storylines und Spannung gelernt.

I.R.: Aber du schreibst auch Theaterstücke. S.M.: Ich hab ganz viel Theater geschrieben. Schon in der Oberschule haben wir Theaterstücke, die ich geschrieben habe, gespielt und da dachte ich mir, dass ich das dramatische Schreiben vertiefen und besser lernen wollte, deshalb habe ich Dramaturgie und Drehbuch und Film studiert. Ich dachte, dass heute dramatisches Schreiben für den Film zeitgemäß sei. Doch während des Studiums habe ich festgestellt, dass Drehbuchschreiben zwar interessant und spannend ist und es hat mir auch gut gefallen, aber da die Produktionskosten für den Film extrem hoch sind, ist es schwierig, dass dann wirklich etwas daraus wird. Wenn man ein Theaterstück schreibt, ist es viel realistischer, dass es dann auch gespielt wird. In Naturns gibt es eine Theatergruppe, mit der ich immer wieder was mache. Seit 2014 gab es eine Pause, aber für 2018 planen wir wieder ein Projekt.

I.R.: Du arbeitest ja auch als Lehrerin. Wie schaffst du es, das Schreiben mit deiner Unterrichtstätigkeit zu vereinbaren, oder auch zu trennen? S.M.: Ich habe lange Zeit in Teilzeit unterrichtet, aber meine Erfahrung dabei war, dass man fast gleich viel arbeitet wie in Vollzeit, weil man doch alle Sitzungen hat und alles, was sonst dazugehört. Nebenbei schreiben geht fast nicht. Das Einzige, was geht, ist während der Ferien zu schreiben. Ich kann während der Arbeit maximal Kolumnen, also Glossen usw. schreiben. Das sind kurze Texte und dafür brauche ich nicht so viel Zeit. Aber ein Buch wie Luba, daran habe ich jahrelang geschrieben, in den Ferien, immer ein Stückchen und noch ein Stückchen und wieder ein Stückchen. Es ist schon anstrengend. Natürlich wäre es mein Traum, irgendwann nicht mehr unterrichten zu müssen. Aber rein finanziell brauche ich irgendetwas, das mich absichert.

I.R.: Man sieht es dem Buch überhaupt nicht an, dass du in Abständen geschrieben hast. S.M.: Es war so, die letzte Phase war 2015. Da habe ich alles noch einmal überarbeitet. Ich musste ganz von vorne anfangen und alles wieder durcharbeiten, damit es passt. Mit dem Wissen von 2015 ist es mir dann schon gelungen, alles anzugleichen. Ich sehe zwar noch gewisse Brüche, aber ich finde doch, dass es jetzt so geht. Aber es war nicht leicht. Ich hatte viel Stoff, weil ich in meinen Schreibphasen viel geschrieben habe und später kürzen musste. Schließlich ist es mein dickstes Buch und doch ein Ganzes geworden. Es hat aber lang gedauert.

I.R.: Man merkt, dass du im Dramaturgischen wirklich sattelfest bist. S.M.: Meine Stärke war es immer schon, Dialoge zu schreiben. Gespräche schreiben macht mir Spaß. Es hat etwas Dramatisches, etwas Theatralisches. Und in dem Buch gibt es wahnsinnig viele Gespräche. Ich finde, das ist etwas Dynamisches, wo Menschen sich richtig kennenlernen und wo man, während man redet, sich noch einmal neu positionieren kann. Ich weiß nicht, ob ich das gut erklären kann. Mit jedem Gespräch ändert sich Lubas Einstellung ein bisschen. Wenn man sieht, wie sie ganz am Anfang über gewisse Sachen denkt und wie sie dann, wenn sie mit den Leuten ins Gespräch kommt, ein Stück weit in eine neue Position kommt. Jedes Gespräch ist für sie wie ein Anstoß, in eine andere Richtung zu denken und etwas anders zu sehen.

I.R.: Worum geht es eigentlich in diesem Buch? S.M.: Es geht um das Thema der Mutterschaft, um ganz viele verschiedene Arten, Mutter zu sein. Luba trifft ganz verschiedene Mütter. In den Gesprächen geht es eigentlich darum. Deshalb sind alle Figuren wichtig, mit jeder wird eine unterschiedliche Form des Mutterseins vorgeführt. Auch der Vater ist wichtig. Denn es geht ja eigentlich auch um den Vater, um die Eltern. Luba spricht viel von Horst, ihrem Freund, dass er Vater sein wird, und nicht nur darüber, dass sie Mutter sein wird. Sie trifft auch ihren eigenen Vater und spricht mit ihm.

I.R.: Inwiefern hat das Buch mit deiner eigenen Biografie zu tun? S.M.: Ich hab selbst kein Kind. Ich wäre in einem Alter, in dem man Kinder haben könnte. Und ich bin in mancherlei Hinsicht schon sehr ähnlich wie Luba. Und wenn ich in einer Situation gewesen wäre wie sie, hätte ich mir vermutlich auch viel zu viele Gedanken gemacht, mir viel zu sehr den Kopf zerbrochen. Ich neige dazu, alles so durchzudenken und durchzuspielen und jedes Szenario so gut wie möglich auszumalen, auch die schlimmen Szenarien natürlich, und das macht es manchmal ein bisschen schwierig. Es war für mich ganz gut, das zu schreiben. Auch weil dann in meinem Leben so viele Dinge passiert sind, die so weit weg vom Kinderkriegen waren, dass dieses Buch zu schreiben einfach schön war: Das als Gedankenspiel durchzuspielen.

I.R.: Wie gehst du vor, wenn du ein Buch schreiben willst? Strukturierst du es von Anfang an schon sehr genau? Kennst du schon genau den Anfang und das Ende und arbeitest du dich dann dem entlang? S.M.: Es ist ganz unterschiedlich. Wenn ich Theaterstücke schreibe, bin ich sehr diszipliniert mit der Dramaturgie, da habe ich einen genauen Plan für jede Figur, was sie ausführt und was passiert, da tritt immer die Struktur vor die Figur. Bei einem Roman hingegen stehen mehr die Figuren, die mich interessieren, im Vordergrund. Und ich weiß mittlerweile aus Erfahrung, dass ich, was ich mit den Figuren plane, schon bis zu einem bestimmten Punkt durchziehen kann. Andererseits haben diese Figuren auch ein Eigenleben, eine Dynamik, die sich erst beim Schreiben entwickelt, und wo ich beim Schreiben erst merke, das die Handlung jetzt in eine etwas andere Richtung geht und dass ich sie jetzt in diese Richtung laufen lassen muss oder will. Aber natürlich muss ich doch auch planmäßig vorgehen. Bei Luba wusste ich, dass sie viele Gespräche führen muss, damit sie dort hinkommt, wo ich sie hinbringen will. Ich wusste auch, dass sie das letzte wichtige Gespräch mit der eigenen Mutter führen muss. Das muss der Höhepunkt sein und es muss relativ am Ende kommen. Das Zusammentreffen mit der Familie, mit ihrer Schwester und Mutter ist so ein bisschen der Showdown.

I.R.: Und am Ende überarbeitest du alles noch einmal? S.M.: Ja, das ist sehr anstrengend. Man muss sehr diszipliniert alles durchlesen. Gewisse Stellen hat man bereits so oft gelesen, dass man sie nicht mehr lesen will. Und das nervt mich. Die Frage ist: Nervt es mich, weil ich es schon so oft gelesen habe, oder nervt es jeden, der das jetzt liest? Liest es ein Leser, der es zum ersten Mal liest, mit anderen Augen als ich? Dann gibt es natürlich noch das Lektorat und es kommen die Rückmeldungen vom Lektorat. Diese sind für mich manchmal ein bisschen irritierend. Denn da merkt man manchmal, dass etwas z.B. nicht so gut verstanden wird oder ein Witz gar nicht als Witz rüber kommt. Wenn Luba etwa vom Pianisten Daniel Kohlert, der so ein bisschen auf Schönling macht, denkt, ja die Künstler sind ja alle schwul, da war vom Lektorat die Rückmeldung, dass man das so nicht sagen könne, dass das nicht so diplomatisch sei, wenn man das so sage. Aber Luba ist eben ein bisschen schnell in ihren Urteilen, ein bisschen frei von der Leber weg. Ich kann ihre Gedanken nicht zensurieren, sie denkt so und denken darf man mehr als man dann sagt, sie denkt es ja nur. Sie denkt ja ganz viele widersprüchliche Sachen und sie ändert ja auch ihre Meinung, z.B. auch über den Kohlert.

I.R.: Wie kommen die Themen auf dich zu oder suchst du sie? Hast du bestimmte Vorlieben, Themen, die dich mehr interessieren? S.M.: Manchmal kommen Themen etwas unverhofft. Manchmal beschäftige ich mich mit Dingen, die ich so mitkriege. Dadurch dass ich unterrichte, kenne ich viele Leute, viele Schüler, ihre Eltern, Kollegen ... Schule ist wie ein Organismus, da passiert dauernd etwas. Insofern ist es ein inspirierender Arbeitsplatz. Zugleich habe ich mein eigenes Leben mit seinen Höhen und Tiefen und Erfahrungen und skurrilen Momenten. Für mich ist es auch schön darüber zu schreiben. Was man selbst erlebt, ist ja Teil von einer kollektiven Erfahrung, die wir alle machen. Wenn ich die Grippe habe, bin ich nicht der einzige und erste Mensch, der die Grippe hat, dann spüre ich, was andere Menschen spüren, die Grippe haben. Wenn ich darüber schreibe, wird es etwas Universelleres. Meine Figuren sind schon ein bisschen ein Abbild von mir, aber hauptsächlich sehe ich darin auch eine bestimmte Zeit, die ich durchlebt habe. Jetzt, z.B. in meinem neuen Projekt, da geht es ganz um etwas anderes. Da ist das Ganze vom Kinderkriegen und von den Beziehungen abgeschlossen und ich beschäftige mich mit etwas total anderem.

I.R.: Du hast die Fähigkeit, gewisse Situationen, die man erlebt, ganz treffend zu beschreiben. S.M.: Das sagen mir viele, dass ich etwas, das sie auch denken, einfach auf den Punkt bringe oder in Worte fassen kann. Ich denke, das ist irgendwie, was den Wert eines Schriftstellers ausmacht, dass jemand, der schreiben kann, einfach mit Worten präziser umgehen kann als jemand anders, der andere Talente hat. Ich sehe mich oft als fast schon einseitig begabt, weil meine Begabung tatsächlich eine sprachliche ist, die Fähigkeit, einen Text strukturiert aufzubauen und Bilder zu finden für gewisse Dinge. Das ist auch meine Art zu denken. Es denkt nicht jeder in Sprache und Bildern. Ich bin ein Wortmensch und deshalb ist es für mich leichter, gedankliche Konzepte auszudrücken. Teilweise habe ich das Gefühl, dass eine kleine Schreibmaschine in meinem Kopf mitschreibt, sie schreibt, was ich gerade sehe. Als Kind habe ich das ganz massiv gemacht, es war wie eine Art Spiel. Ich habe wirklich auf Hochdeutsch gedacht, was sicher sehr skurril war. Ich glaube nicht, dass das viele tun. Es war so, als hätte eine kleine Schreibmaschine mitgeschrieben, nicht was ich gerade erlebte, sondern wie der Wind durch die Blätter fährt und was für eine Farbe das Wasser jetzt hat und das alles habe ich versucht, auf Hochdeutsch aufzuschreiben. Das hilft mir zu sehen, was ich sehe. Ich weiß nicht, ob ich das richtig erklärt habe.

I.R.: Liest du auch viel? S.M.: Ich habe, wenn ich unterrichte, wenig Zeit zu lesen. Ich muss natürlich für die Schule viel lesen, z.B. was meine Schüler schreiben. Ich lese gerne Lyrik. Ich liebe Lyrik. Und ich finde Lyrik wahnsinnig inspirierend, weil sie in ganz knappen Worten ganz tolle Bilder aufmacht. Lyrik ist sehr wichtig für mich. Ich lese auch Romane. Hauptsächlich Romane, die für Jugendliche geeignet sind, weil ich immer versuchen muss, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, meine Schüler an die deutschsprachige Literatur heranzuführen, weil sie an der englischsprachigen Literatur ohnehin schon dran sind. Ich will ihnen zeigen, dass auch auf Deutsch tolle Sachen geschrieben werden, und die muss ich vorher lesen. Ich lese auch ganz viel Zeitung, Essays, Kommentare, Meinungen. Das finde ich sehr interessant und ich schreibe diese auch selbst. Das literarische Lesen rückt da eher in den Hintergrund. Vielleicht aus unterschiedlichen Gründen, denn wenn ich ein sehr gutes Buch über ein Thema lese, über das ich gerade schreibe, denke ich mir: Was tue ich da eigentlich? Man darf aber nicht davon ausgehen, dass das, was man schreibt, Wurst ist. Alles wäre egal, weil ein anderer das alles schon besser gemacht oder gesagt hat. Wir könnten alle den Mund halten bis ans Ende.

I.R.: Du lebst in der Schweiz. Hat der Wohnort einen gewissen Einfluss auf dein Schreiben? S.M.: Ja, seit sechs Jahren lebe ich in Zernez. Und ja, der Wohnort hat einen gewissen Einfluss auf mein Schreiben. Ich habe auch in Chur gelebt. Das war keine so gute Zeit und mein Kapitel mit dem Hans Ruedi ist ein bisschen eine Abrechnung mit Chur. Aber ganz am Ende, wenn Luba nach Rauris in den Nationalpark fährt, um Horst zu suchen, das ist eigentlich nicht Rauris, das ist Zernez, für mich. Hier im Nationalpark haben wir auch diese ganzen Vögel, auch die Bartgeier, Luba sieht sie dann ja nicht... Wir haben die Bartgeier oft gesehen, die fliegen hier manchmal vorbei. Luba sieht den Turmfalken, den habe ich hier in Zernez zum ersten Mal gesehen und die Begegnung mit ihm, wie der so in der Luft schwebend steht, war faszinierend. Ich wollte das Buch hier aufhören lassen, in dieser Gegend mit den Bergen und den Vögeln und dieser Atmosphäre. Es wäre aber nicht realistisch gewesen, wenn sie nach Zernez gefahren wäre, das wäre zu weit weg gewesen. Aber Kurt, mein Mann, und ich sind nach Rauris gefahren, denn wenn Luba dort hinfährt, muss ich das gesehen haben und wissen, wie es dort aussieht. Das stimmt dann auch. Aber für mich, von innen, ist es Zernez und eine kleine Verbeugung an meine neue Heimat. Und mein nächster Roman soll ja hier spielen. So ist es geplant.

I.R.: Wie ist es in Graubünden zu leben und zu arbeiten? S.M.: Ich habe gelernt, diese mehrsprachige Realität hier in Graubünden mit einem neuen Blick zu sehen. An der Academia Engiadina, wo ich unterrichte, reden unsere Schüler ja Romanisch, hauptsächlich die beiden Idiome Vallader und Puter, und zum Teil auch Italienisch. Ich unterrichte Deutsch, aber ich rede jeden Tag auch Italienisch. Ohne Italienisch könnte ich hier nicht arbeiten und unsere Realität ist wirklich eine dreisprachige Realität. Ich kann auch Vallader einigermaßen gut verstehen, reden nicht so gut. Für die Schüler ist es ein Vorteil, wenn ich ihre Sprache verstehe. Jetzt sehe ich das Vielsprachige mit anderen Augen. Ich bin ein Mensch, der sehr auf Sprache fixiert ist, aber ich glaube nicht, dass jeder Mensch so denkt. Ich denke ja auf Hochdeutsch, was total absurd ist, aber viele denken und reden ganz, ganz anders, und mich damit auseinanderzusetzen, fügt viel zu meinem Leben und Denken hinzu. Das nimmt dir nichts weg, es gibt dir mehr.

I.R.: Ist die Schule auch mehrsprachig? S.M.: Ja, es gibt an unserer Schule, das ist ein Gymnasium, zum Beispiel „biologia“ auf Rumantsch und Rumantsch als Fach. Die Schüler können auch ein romanisches Zertifikat machen (Vallader/Puter). Es ist eine vielsprachige Realität mit Romanisch, Italienisch, Englisch, oft auch noch Spanisch und Französisch. Manchmal ist das alles fast ein bisschen zu viel, weil Deutsch zuweilen zu kurz kommt, manche Schüler tun sich damit schwer, aber dann muss man sich vergegenwärtigen, wie viele Sprachen sie können. Jedenfalls hat die Mehrsprachigkeit einen großen, großen Vorteil. Ich bin ganz enttäuscht, dass die Südtiroler das so wenig verstehen. Sie nutzen teilweise nicht die Chancen, die sie haben. Dass mehrere Sprachen zu können positiv ist, darüber braucht man heute ja gar nicht mehr zu diskutieren. Das ist einfach wichtig. Aber wenn man mit den Leuten spricht, merkt man, was sie damit meinen: Sie verstehen darunter einfach nur Englisch zu beherrschen und das ist für mich so einschränkend, man kann Mehrsprachigkeit nicht auf die Kenntnis von Englisch reduzieren. Das ist schade. Als wir ins Engadin gezogen sind, habe ich einen Valladerkurs gemacht, damit ich die Sprache kennen lerne. Ich war auch in einem Chor, in dem der Chorleiter nur Vallader gesprochen hat. Es ist wichtig, dass man eine Realität kennenlernt.

I.R.: Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. S.M.: Ja danke auch. Es hat mich gefreut. Komplimente auch fürs Magazin. Ich kannte es vorher nicht. Ich finde es toll, dass ihr euch die Zeit nehmt, ich weiß, wieviel Energie das kostet und dass es oft auch mit Selbstausbeutung zu tun hat. Ich wünsche euch alles Gute, bitte bleibt dran.

Jenen, die Luba und andere Kleinigkeiten noch nicht gelesen haben und die sich eine heitere, aber nicht seichte Lektüre wünschen, empfehle ich dieses Buch wärmstens.

Autora

Ingrid Runggaldier
Redadeura

Son de Urtijëi, é studià anglistica/americanistica y germanistica a Dispruch, de prufescion sons tradutëura (dantaldut tl ladin) y lëure tl Ufize Cuestions Linguistiches dla Provinzia autonoma de Bulsan. Ie me nteressei de cultura n generel, plu avisa de rujenedes, de leteratura, de “mendranzes” d’uni sort – da chëles linguistiches a chëles sozieles, religëuses y de pensier. Ti ultimi ... >>