Sie war die Antwort auf eine Platzfrage: Die von Grete Lihotzky 1926 entwickelte Frankfurter Küche. Tatsächlich entsprach „die Küche aus dem neuen Frankfurt“ den Anforderungen, die die Rationalisierung der Wohnungsgrundrisse im sozialen Wohnungsbau nach dem Ersten Weltkrieg stellte. Mit ihr erfolgte die Abgrenzung der Küchenarbeit von anderen Wohnfunktionen auf kleinstem Raum. Berühmt wurde die Küche, weil sie Funktionalität und Standardisierung, wie sie die Architektur und die Produktkultur der Zwanziger Jahre und später auch der Fünfziger- und Sechzigerjahre prägten, paradigmatisch verkörperte. Die neue Küche sollte den Bedürfnissen der Berufstätigen Frau entsprechen: alles sollte handlich, in Reichweite und leicht zu reinigen sein.

Ihre Erfinderin, die junge Architektin Grete Lihotzky, arbeitete zwischen 1926 und 1930 im Rahmen des Siedlungsbauprogramms der Stadt Frankfurt am Main im Wohnbauamt an der Entwicklung von Wohnungstypen und Einrichtungen. Als Modell für das „Labor einer Hausfrau“ diente ihr unter anderem eine Speisewagenküche. Heute gilt ihre Frankfurter Küche als Prototyp der modernen Einbauküche. Damals wurden drei Variationen davon in etwa 15.000 Stück gefertigt.

Margarete Lihotzky war die erste Frau, die in Österreich ein Architekturstudium absolvierte. Sie war 1897 in Wien geboren worden und entstammte einer bürgerlichen Wiener Familie. Lihotzky war auch die erste kursteilnehmende Frau an der k.k. Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst Wien). Als Margarete Schütte-Lihotzky 1997 ihren 100. Geburtstag feierte, erwähnte sie, dass 1916 niemand geglaubt habe, dass je eine Frau beauftragt werde, ein Haus zu errichten – nicht einmal sie selbst. Trotzdem studierte sie Architektur unter Oskar Strnad, unter dessen Leitung sie schon vor ihrer Diplomierung Preise für ihre Entwürfe errang. Strnad war einer der Pioniere des sozialen Wohnungsbaus in Wien. Er plante erschwingliche und dennoch bequeme Wohnhäuser für die Arbeiter. Nachdem sie graduiert hatte, arbeitete sie bei einem Projekt mit ihrem Mentor Adolf Loos zusammen und plante Wohnhäuser für Invaliden und Veteranen des Ersten Weltkrieges. In Frankfurt lernte sie ihren Kollegen Wilhelm Schütte kennen, den sie 1927 heiratete.

1930 übersiedelte das Ehepaar mit einigen Architektenkollegen nach Moskau. Dort nahm die Gruppe an der Realisierung des ersten Fünfjahresplans Stalins für die Sowjetunion teil. In diesem Rahmen wurde sie beauftragt, in den Weiten des südlichen Urals die Industriestadt Magnitogorsk zu errichten. Bei ihrer Ankunft bestand die Stadt aus Lehmhütten und -kasernen. Die Planzahl sah 200.000 Einwohner in den nächsten Jahren vor, von denen die Mehrheit in der Stahlindustrie arbeiten sollte. Hier entwarf Grete Schütte-Lihotzky u.a. auch einen Kindergarten. Von der Sowjetunion aus unternahm sie Reisen nach Japan und in die Republik China. Danach zog sie mit ihrem Ehemann zuerst nach London und später nach Paris und Istanbul.

1939 schrieb sie sich in die Kommunistische Partei ein schloss sich der österreichischen kommunistischen Widerstandsbewegung an. 1941 wurde sie von der Gestapo verhaftet und riskierte, wie mehrere ihrer Genossen, wegen Hochverrats hingerichtet zu werden. 1942 wurde sie jedoch zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und ins Frauenzuchthaus Aichach in Bayern überstellt. Am 29. April 1945 wurde sie von den US-Truppen befreit.

Nach dem Krieg arbeitete Margarete Schütte-Lihotzky in Sofia, Bulgarien. 1947 ging sie zurück nach Wien, wo sie wegen ihrer politischen Ansichten – sie blieb Kommunistin – keine öffentlichen Aufträge erhielt, obwohl im Nachkriegsösterreich unzählige Gebäude im ganzen Land zerstört waren und wieder aufgebaut werden mussten. Infolgedessen arbeitete sie als Beraterin in der Volksrepublik China, in Kuba und in der DDR. 1951 trennte sie sich von ihrem Ehemann Wilhelm Schütte.
Erst spät wurden ihre Werke in Österreich anerkannt. So erhielt sie 1980 den Architekturpreis der Stadt Wien und zahlreiche weitere Preise. Sie blieb Zeit ihres Lebens eine aufmerksame und engagierte Beobachterin der Politik. Margarete Schütte-Lihotzky verstarb 2000 in Wien im Alter von fast 103 Jahren.

www.museumsportal-berlin.de/de/magazin/blickfange/die-frankfurtherkuche-von-maragarete-schutte-lihotzky/ http://www.technischesmuseum.at/objekt/einrichtung-einer-frankfurter-kueche-1928
http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Schütte-Lihotzky

Autora

Ingrid Runggaldier
Redadeura

Son de Urtijëi, é studià anglistica/americanistica y germanistica a Dispruch, de prufescion sons tradutëura (dantaldut tl ladin) y lëure tl Ufize Cuestions Linguistiches dla Provinzia autonoma de Bulsan. Ie me nteressei de cultura n generel, plu avisa de rujenedes, de leteratura, de “mendranzes” d’uni sort – da chëles linguistiches a chëles sozieles, religëuses y de pensier. Ti ultimi ... >>

„Frankfurter Küche“ aus dem Werkarchiv-Museum der Dinge (Oranienstraße Berlin), Foto: Armin Herrmann, Museumsportal Berlin.